Stille Brüterin, Azalee, Lieblingsbäume

Seit meinem letzten Eintrag ist es dauernd nass, im Garten. Mal regnet es viel, mal weniger aber bevor alles wieder trocknen kann, regnet es erneut. Das Gras steht schon einen halben Meter hoch; so kann ich nicht arbeiten!

Passend zum Wetter hat sich auch die Dame Hausrotschwanz in ihr Nest verkrümelt und agiert dort seit ein paar Tagen als stille Brüterin. Ich bin ja soooo gespannt!

Bemerkenswerte Pflanze, die kleine Azalee; ich hatte sie an einen unpassenden Standort gepflanzt, sie bekam zuwenig Licht und wollte denn auch überhaupt nicht mehr blühen. Im letzten Herbst versetzte ich den kleinen Busch und wurde nun mit Blüten belohnt. Zwar lange nicht soviele, wie er könnte aber das kriegen wir auch noch hin…

Ein paar Lieblingsbäume; von vorne nach hinten: Eiche, Birke, Ahorn.

Die Eiche ist vier Jahre alt und und bekommt im nächsten Frühling ihren ersten Schnitt.

Die dreistämmige Birke  ist ein echtes Prachtexemplar, runde 50cm hoch und elf Jahre alt; seit ihrem dritten Lebensjahr in der Schale. Alle zwei Jahre schneid ich die Wurzeln, jeden Frühling die Äste und zwei – dreimal im Sommer die Triebe. Das Ding wächst praktisch nonstop und ist deshalb als Bonsai ein bißchen vorsichtig zu behandeln. Weil sie so viel Säfte hat, neigt sie zum verbluten.

Last, but not least, mein Super-Ahorn. Er ist 1,80m hoch und stolze 16 Jahre alt. Demnächst bekommt er einen neuen Kübel, bißchen größer im Durchmesser, damit es besser zur Krone passt. In manchen Jahren verirrt sich der ein oder andere Maikäfer darauf, es ist schon schön, ihnen quasi auf Augenhöhe begegnen zu können.

Zur Bonsailiebe kam ich ganz unverhofft. Der Ahorn machte den Anfang; ich fand das gekeimte Dingsi auf dem Bürgersteig und wollte, dass es lebt. Als er wuchs, wollte ich, dass er bei mir bleibt. Zehn Jahre ließ ich ihn wachsen, ehe ich das schneiden begann. Ich wusste überhaupt nicht, was ich tue. Hatte wohl im Netz einiges über Bonsai und deren Schnitt und Pflege recherchiert aber Theorie und Praxis sind zwei verschiedene Dinge. Mittlerweile denk ich zwar, dass ich es grundsätzlich richtig gemacht habe, dennoch sehen meine Bäume auf keinen Fall so aus, wie man die japanischen Vorbilder kennt. Keiner der Kameraden ist kleiner als 40 cm, mit Ausnahme der drei, die ich mal geschenkt bekam. Auch ist keiner ist wirklich perfekt in Form; sie sollen trotz der begrenzten Wuchshöhe ganz normale Bäume sein.

Die Hälfte steht in Blumentöpfen, statt der üblichen  Schalen, weil ich an den Wurzeln wirklich ungern schneide. Die Ästchen sind nicht so schlimm, der Baum bemerkt es zwar, doch da die Säfte eh dauernd nach oben steigen, treibt er einfach neu aus. Aber unten, bei den Wurzeln spielt sich das ganze “Kernleben” des Baums ab, dort greift man immer gleich in ein kompliziertes Gefüge ein; oft hausen neben dem Konglomerat aus Wurzeln und Pilzgeflecht noch irgendwelche Ameisen oder sonstige Tierchen drin. Ich dünge auch nicht im herkömmlichen Sinne, arbeite nur manchmal ein bißchen frische Komposterde ein; zur Feuchtigkeitsbewahrung liegt Moos obenauf, außerdem lasse ich (in Maßen) alles wachsen, was sich aus dem Boden traut. Im Herbst entferne ich das Laub nur soweit, dass nichts verschimmelt, der Beschnitt erfolgt bei allen Bäumen im Februar; ob in der Mitte oder am Ende liegt an der jeweiligen Witterung.

Wann dieser Tag ist, weiß ich jedesmal schon unmittelbar nach dem wach werden. So, Augen auf; heute ist Baumtag. Dieses Jahr war es der  17. Februar. Das ist ein Ritual geworden, ich trink nen Kaffee, zieh das Gartenzeug an, hole die Scheren und geh erst einmal eine Runde durch den Garten. Meistens fang ich mit den “freien” Bäumen an, es gibt noch drei Pappeln, eine Haselnuss, ein paar Büsche und eine Nektarine, die inzwischen wieder zum Pfirsich wurde, jedes Jahr die Kräuselkrankheit hat, fast alles Laub abwirft, um es dann, beim zweiten Anlauf gesund hinzukriegen. Natürlich hat er deshalb immer nur sehr wenige Pfirsiche, obwohl er üppig blüht. Die größte Ausbeute betrug mal sieben steinharte Früchte, die roh ungenießbar waren, eingekocht aber ein Glas der leckersten Pfirsichmarmelade ergaben, die ich je gegessen hab. – Er ist drei Meter hoch, man kommt also nur noch mit Leiter dran aber diesen Herbst/Winter lass ich mir endlich was einfallen; dann bekommt er eine Mütze aufgesetzt, dass er nicht mehr nass werden kann. Spritzen gegen den Pilz werde ich auf keinen Fall, ansonsten kann man nur vorbeugen. Und dann vielleicht doch mal düngen… ^^ – Daran sieht man aber auch mal wieder, dass Pilze die Weltherrschaft übernahmen. Ohne Pilzgeflecht an den Wurzeln kann ein Baum nicht wirklich gut überleben aber wehe, es sind die falschen. Die sieben Meter hohe Thuja verlor ich schon an den Hallimasch und der Pfirsich, nun ja, ich rettete ihn vom örtlichen Baumschulenkomposter, vielleicht kämpft er deshalb so wacker.

So, das wolle ich schon lange mal erzählen, die Bäumches und ich, das ist mittlerweile eine echte “Gemeinschaft” geworden. Wenn ich sie schneide, falle ich jedesmal in einen meditativen Zustand; was ich früher ganz furchtbar fand, das rumschnitzen an Bäumen, hat sich zu einer Möglichkeit entwickelt, in eine intensive Zwiesprache mit einem Wesen zu treten, dass weder Worte noch Gedanken kennt. Oft hatte ich schon das Gefühl, dass die Bäume die Äste förmlich hinhalten, genau zeigen, wo die Schere hin muss, damit nachher noch genug dran ist und es anständig aussieht.

Manchmal möchte ich mit dem Garten an irgendeine offizielle Stelle gehen. Hier herrscht zwar weder Ordnung, noch ein wirkliches Konzept und es wachsen Pflanzen durcheinander, die größtenteils von irgendeinem Komposter oder Supermarkt gerettet wurden aber ich würde gerne zeigen, mit wie wenig Platz, Aufwand und Geld, man eine so große Artenvielfalt herstellen kann, dass nur mit Mühe zählbar ist, wie viele davon sich hier tummeln. Hier wachsen wilde Kräuter einträchtig mit Lavendel, Rosen und Lilien; Löwenzahn neben Tulpen, Erdbeeren in der Wiese, Efeu neben Flieder, Pfingstrosen neben Feldsalat, Seifenkraut, Goldrute, Pfefferminze, Bambus, Lorber, usw; jetzt noch die Ecke mit den Bienenblumen; im Herbst sehe ich mindestens fünf verschiedene Pilzsorten und das Beste ist, noch immer sind 2m² frei, auf denen zurzeit eine einzige Wildnis herrscht, die aber, wenn der Regen mal wieder aufhören sollte, ein Hochbeet bekommen; welches hoffentlich genauso überquellen wird, wie der Rest des Geschenks, das das Leben mir machte.